Pole Poppenspäler Tage 2016 - Rückblick

Offenes MuseumDas Sonnenschloss
Hotel Paradiso
Familie Flöz, Berlin
Liebe, Drama, Wahnsinn und bitter-süße Erkenntnis, dass der Weg in den Himmel durch die Hölle führt. Das gab es zum Auftakt der 33. Pole-Poppenspäler-Tage im NordseeCongressCentrum. „Figurentheater ist DAS Theater“, hat die verstorbene Puppenspieler-Legende Dieter Kieselstein einmal gesagt. Und mit dem Stück Hotel Paradiso wurde mal wieder deutlich, wie Recht er damit hat – selbst – oder gerade wenn – das Genre hier nicht in ureigenster Form bedient wird.
Dass das Hotel Paradiso schon bessere Zeiten gesehen hat, ist unverkennbar. Alles ist ein bisschen muffig, versprüht den spröden Charme vermeintlich besserer Zeiten. Die bucklige Senior-Chefin versucht den Laden – der Familienbetrieb liegt weitab in den Bergen – mit Stockschlägen gegen das Personal und die in Dauerfehde befindlichen eigenen Kinder zusammenzuhalten, mit mäßigem Erfolg. Deshalb greift immer mal wieder der verstorbene frühere Chef des Hauses ins Geschehen ein, entfährt seinem mit Blumenschmuck gehuldigte Porträt mit dem Hotel-Fahrstuhl, um jene Bühne zu besteigen, die einmal auch sein Leben war.
Seine Kinder gehen derweil längst eigenen Interessen nach. Sohnemann träumt von der großen Liebe, während die burschikose Tochter alles daran setzt, dem Hotel ihren Stempel aufzudrücken und die Mutter gastronomisch an den Rand zu drängen. Das Zimmermädchen klaut wie ein Rabe – selbst Feuerlöscher sind vor ihr nicht sicher -, und der Koch zersägt in der Küche mehr als nur Schweinehälften.
Als Tragikkomödie angekündigt, präsentiert sich Hotel Paradiso von Beginn an im Stil eines anspielungsreichen Husarenritts durch die Abgründe der menschlichen Psyche, zwischen Glauben, Hoffen, Träumen und den unabdingbaren (?) Unbilden der Wirklichkeit – eine Prise Arsen und Spitzenhäubchen hier, ein Kommissar, der es nicht mal durch die Drehtür des Hotels schafft und dessen Assistent – nennen wir ihn einmal Harry – weit mehr als nur den Wagen vorfahren muss, dort.
Hotel Paradiso – das sind 80 Minuten turbulentester Unterhaltung, selbst wenn die Töne mal etwas leiser werden, grandios in Szene gesetzt von – ja tatsächlich – nur vier Puppenspielern, die allerdings im besten Wortsinn alles geben. Dass die ganze Magie des Stückes allein aus den Masken und Bewegungen der Puppenspieler erwächst, erweist sich als genialer Schachzug. So bleibt dem Zuschauer ausreichend Raum für eigene Fantasien und für die Frage, was das Geschehen auf der Bühne mit ihm selbst zu tun haben könnte. Und manchmal beschleicht einen das Gefühl, die Spieler sind gar keine Animatoren, sondern tatsächlich Puppen, so sehr verschmelzen sie mit ihren Masken. Figurentheater at it’s best und vielleicht der Beginn einer wunderbaren Leidenschaft. Es wäre nicht die erste, seit es dieses Festival gibt.
RĂĽdiger Otto von Brocken (Husumer Nachrichten 19.09.2016)
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