Pole Poppenspäler Tage 2016 - Rückblick

Die Abenteuer des kleinen BuckligenGänsefüßchen
Er ist wieder da
marotte Figurentheater, Karlsruhe
Der Inhalt ist hinlänglich bekannt. Adolf Hitler wacht 2011 in Berlin auf und wird aller Orten für einen authentischen Comedian gehalten, der zunächst die Welt des Fernsehens, dann die Politik aufmischt.
Hitler wird als überlebensgroßer Kopf gespielt, dazu Handpuppen, welche die komplette Breite der Bühne nutzen. Es ist ein Spiel auf zwei Ebenen, Hitler wirkt vor der Bühne, synchron setzt sich der Handlungsstrang auf der Spielleiste fort; Schlitze im Vorhand, in denen unerwartet Figuren auftauchen, Hitler plötzlich seine eigene Puppe führt, ein übergreifendes Spiel voll Tempo und Dynamik. Szenen voll Komik und Witz werden in schneller Folge gespielt und hier zeigt sich, welch schmale Gratwanderung das marotte Figurentheater aus Karlsruhe unter der Regie von Detlef A. Heinichen geht. Die sinnentleerte Überflutung von mittelmäßigen Comedians der Privatsender wird persifliert und es geling in der Tag, das Stück nicht selbst auf dieses Niveau stürzen zu lassen.
Nach der Pause erfährt das Spiel einen Bruch und wieder wird offenbar, wie intelligent es in Szene gesetzt ist. Zunächst erscheint Hitler als Gast in der Fernsehshow eines türkischen Comedian. Dieser befeuert nun das Publikum mit flachen Kalauern. Diese sind so ausgewählt, dass sie das Niveau der Unterhaltungslandschaft entblößen, gleichzeitig aber den anwesenden Zuschauern ein Amüsement bieten, das nicht zur Selbstkarikatur wird.
Der erwähnte Bruch dann in einer Schlüsselszene: Hitlers Sekretärin fragt ihn, ob er nicht einmal eingestehen könne, "was diese Schweine gemacht haben"? Hitler fragt, welche Schweine sie meine und setzt zu seiner eigenen Verteidigung an. Er sei 1933 demokratisch gewählt worden und hätte seine politischen Ziele vorher klar und deutlich schriftlich niedergelegt. Hier wird das Komödiantentum durchbrochen, existentiell und eindringlich ist der Dialog, man wird auf die Ernsthaftigkeit des Themas zurückgeworfen. Hitler hat seine Sekretärin stets höflich und korrekt behandelt, in seinen Antworten zeigt sich eine leichte Melancholie und diesen Mann nicht sympathisch wirken zu lassen, ist ein gefühlvolles Kunststück des Ensembles.
Natürlich werden nicht alle Inhalte der Buchvorlage angespielt, es handelt sich eben nicht um ein szenisches Programm. Das Spiel gipfelt darin, dass sich am Ende die politischen Parteien darum reißen, Hitler zu umgarnen, ihn dazu bewegen wollen, in ihre jeweilige Partei einzutreten. Die Handpuppen sind hier kleiner als zuvor, der skurrile Höhepunkt, wenn sich die Parteivorsitzenden in bester Punch & Judy Manier verprügeln. Somit ist das Stück dem Buch weitgehend nah, geht es doch über eine bloße Medienschelte hinaus und berührt Sujets wie Manipulierbarkeit und Größenwahn, aber auch Schnelllebigkeit und das Verkümmern tradierter Werte.
Der Schluss im Original kann je nach Gusto etwas unbefriedigend wirken. Im letzten Bild, anlehnend an den Chaplin Film "Der große Diktator", steht Hitler gedankenverloren auf der Bühne und balanciert einen Luftballon, auf welchem eine Weltkarte abgebildet ist. Er beginnt, mit diversen Diktatoren der Weltgeschichte, die an der Spielleiste auftauchen, Ping Pong zu spielen. Wie austauschbar das Meer der Tyrannen ist, zeigt der letzte Tennisschläger mit dem Bild der Mickey Mouse. Mit einem lauten Knall platt der Ballon und das Bühnenlicht erlischt.
Das marotte Figurentheater brilliert nicht mit filigraner Spieltechnik, dafür ist das Geschehen zu rasant und die Figur des Hitler zu mächtig, zu groß. Aber die Spieler begeistern durch eine ungebrochene Energie, in einer Text- und Stimmgewaltigen Vorstellung, die wie im Fluge vergeht.
Torsten Zajwert
Die Abenteuer des kleinen BuckligenGänsefüßchen
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