Pole Poppenspäler Tage 2016 - Rückblick

Pirat Eberhard auf KaperfahrtBlind!
Mario & der Zauberer
B├╝hne Cipolla, Bremen
In "American Psycho" versteht es Brad Easton Ellis meisterhaft, seine Leser seitenlang mit Banalit├Ąten zu verwirren. Es geht um Musik, Mode, Freunde, Arbeit ┬ľ die allt├Ąglichen Dinge des Lebens. Irgendwann liest man, dass im K├╝hlschrank ein Finger liegt, aber man ist bereits mit so viel Small Talk zugesch├╝ttet, dass man es kaum noch wahrnimmt. Aber man stutzt . . . und die Grausamkeiten treten langsam ans Licht, spitzen sich zu und eskalieren aufs B├Âseste.
├ähnlich inszeniert die B├╝hne Cipolla Thomas Manns Novelle "Mario und der Zauberer". Der Magier, er nennt sich ebenfalls Cipolla, erscheint f├╝r einen kurzen Augenblick am Anfang des St├╝cks, eine fast mannshohe Klappmaulfigur die sofort den Eindruck eines beherrschenden und befehlsgewohnten Mannes erweckt. Aber es bleibt vorerst beim Fingerzeig. Nur wenig sp├Ąter ist er verschwunden und der Spieler, Sebastian Kautz, f├╝hrt auf am├╝sante Weise durch einen Italienurlaub. Ein mond├Ąner Badeort im S├╝den Italiens, die gar nicht so gern gesehenen, aber leider notwendigen Touristen ┬ľ das St├╝ck spielt in den 20er/30er Jahren des 20. Jahrhunderts ┬ľ geben sich dem Strandleben, dem dolce Vita hin und sonnen sich in ihrer kleinkarierten Welt. Es wird hingenommen, dass ein rotzfreches Kind das Strandpublikum penetriert oder staatliche Bedienstete ein ma├čloses Bakschisch erzwingen. Es ist br├╝llend hei├č (war es im Husumer Rathaus auch!) und die Idylle des Bella Italia entpuppt sich bei n├Ąherem Hinsehen als eine touristische Folter.
Anschaulich wird das spie├čige, auf sich selbst zur├╝ckgezogene Italien an einer der b├╝rokratischen Autorit├Ąten. Mit zwei Handgriffen zaubert Kautz aus einem Regenschirm einen aufgeblasenen, beschlipsten Ministerialbeamten, ein ochsenfroschiger Dickwanst, der der Belustigung der Zuschauer dient, ohne es zu merken. So pl├Ątschert das Strandleben und Sebastian Kautz zeichnet auf einer gro├čen Schiefertafel die den Hintergrund der B├╝hne bildet, diesen Teil Italiens: Schiffe, Strand, Sonne ┬ľ eine entspannte Atmosph├Ąre, humorig bespielt.
Als die Tafel aufgeklappt wird, kippt die Stimmung. Die B├╝hne wird zur Schaubude des Magiers Cipolla, ein Gaukler, ein versierter Hypnotiseur. Als ihm ein Zuschauereinwurf missf├Ąllt, bring der den armen Kerl dazu, sich die Zunge aus dem Hals zu rei├čen. Larmoyant geht er ├╝ber diesen Vorfall hinweg und bindet das reale Theaterpublikum in sein Spiel ein. Luftballons werden in den Zuschauerraum bef├Ârdert, die es bitte gilt, nicht auf den Boden kommen zu lassen. Dabei wird noch einmal die Bedeutung der Farben ins Bewusstsein gerufen: rot wie die Liebe; gr├╝n wie die Hoffnung, usw.. Das Publikum stellt fest, dass es sich manipulieren l├Ąsst, es wird gar zu einem Teil der Inszenierung. Doch der Spa├č ist ungebrochen!

Begleitet wird das St├╝ck von Gero John, einem gro├čartigen Cellisten, der, gest├╝tzt auf ein erstklassiges Soundsystem, das Spiel live begleitet. In wiederkehrenden Loops entwirft er die musikalische Entsprechung der jeweiligen Stimmung. Als ihm Cipolla eine Maske aufsetzt, wird der Cellist zu nicht als einer schweinsnasigen Fratze abstrahiert.
Langsam zeichnet es sich ab: Das mannsche Motiv des langsamen Zustrebens auf den Abgrund, keine Neuinterpretation aber eine pointiert in Szene gesetzte Perfidie.
Dass Sebastian Kautz eine schauspielerische Ausbildung genossen hat, macht sich wohltuend bemerkbar, ja, es ist ein Gl├╝cksfall. Endlich wieder ein Figurenspieler, der seinen Text sprich, ihn sprechen kann. Es ist die Sprache Thomas Manns: scharf, akzentuiert, b├Âse und eindringlich.
Mario ist unter den Zuschauern, ein netter junger Mann, Kellner in einer Bar und ungl├╝cklich verliebt. Als er sich von Cipolla hypnotisieren l├Ąsst, verdichtet sich das Geschehe in einem obsz├Ânen H├Âhepunkt. Der bewusstlose Marion wird in die Luft gehoben, wehrlos, erniedrigt. Cipolla k├╝sst ihn hemmungslos, vor den Augen des Jahrmarktpublikums und die Art und Weise kommt einer Vergewaltigung gleich. Als Mario aus der Trance erwacht, erschie├čt er den Zauberer.
in der Schussszene tanzen Mario und der Puppenspieler einen dramatischen, Anne Rice┬ĺs Lestat nachempfundenen Totentanz und ├╝ber dem Paar schwebt der letzte ├╝brig gebliebene Luftballon, wei├č, als Symbol der Reinheit.
Das mag jeder f├╝r sich selbst interpretieren wie er m├Âchte. Eindeutig jedoch, dass die Pole Poppensp├Ąler Tage 2016 hier ein grandioses Highlight erlebt haben, elegant gespielt und eindringlich ├╝bersetzt.
Torsten Zajwert
Pirat Eberhard auf KaperfahrtBlind!
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